stadtgutgrimma090911Der Geschichts- und Altertumsverein zu Grimma wird am Samstag, dem 17.10.2009 ab 14 Uhr im Stadtgut in Grimma, Leipziger Straße 5 an eine „Kermse“ erinnern.

Mit der Gruppe „Dreschflegel“ aus Haldensleben beginnt das Programm. Der frisch gepresste, unverdünnte Apfelsaft wird vor den Augen der Gäste gewonnen. Natürlich gibt es frischen Obstkuchen zum Kaffee, auch wohlschmeckende Kartoffelsuppe wird angeboten.

Auf der teilweise beräumten Tenne hängt wieder eine anspruchsvoll gestaltete und ebenso dekorative Erntekrone - wobei unterdessen viele Besucher und Gäste wissen, dass sie hier eine jüngere Erscheinung ist. Auf der Tenne gibt es eine „Kirmesschaukel“. Ein paar Handwerker sind eingeladen, ihre Arbeit vorzuführen. Ein Einblick in die Arbeit des Vereines gibt es dabei auch, denn die Arbeit auf dem Stadtgut wird in einem Modell darzustellen begonnen.

Für Kinder gibt es kleine Bastelangebote.

Die Puppenstubensammlung im Wohnturm mit 23 verschiedenen Puppenstuben der Sammlung Lya Hille kann an diesem Tag kostenfrei besichtigt werden.


Gedanken zur „Kirmes“

Die Kirmes war das dörfliche Familienfest des Herbstes, das vor allem eines der Bauern war und drei Tage dauern konnte. Es fand statt, nachdem die meiste herbstliche Feldarbeit erledigt war. Dazu gehörte es auch, dass die Felder geackert waren - denn gepflügt wurde hier nicht - sodass der Winter kommen konnte. Man hatte seinen Überblick über die Ernteerträge und war wie immer unzufrieden damit. Die Familienbesuche waren begründet nötig und erfassten mehr oder weniger auch die Bewohner der Dörfer, die keine Bauern waren. Es hatte sich eine seit Jahrzehnten und z.T. heute noch gültige, bewährte Praxis mit festen Terminen herausgebildet, dass sich die Kirmes des einen mit dem anderen Kirchspiele nicht überschnitt.

Die Erinnerung an die Weihe der jeweiligen Kirche war längst vergangen, sie lag in einer Zeit, in der nur sehr wenig aufgeschrieben wurde.

kerzenwerkstattAn den Kirmessonntagen ging man früh zur Kirche und ließ mehr als sonst in den Opferstock fallen. Das Gesinde,„Gesinge“, hatte Geschenke bekommen und hatte frei und nur das Vieh zu betreuen. Haus und Hof waren gründlich auf den durchaus auch kritischen Besuch vorbereitet worden und alles glänzte. Das Gesinde und die Fabrikarbeiter spielten dabei keine Rolle, höchstens als zuschauende Kulisse, die sich aber kaum auf der Straße blicken ließ.

Vor allem war überall reichlich Kuchen gebacken worden, von dessen Resten den Gästen meist noch „eine Kirmeskuchenhucke“ in ein Tuch eingebunden mitgegeben wurde. Ebenso war für ein reichliches Abendbrot gesorgt worden, das meist aus eigenen, dafür aufgesparten Vorräten bestand.

Der Besuch kam bald nach dem Mittag und die Großbauern fuhren mit ihren Familien per Kutsche vor, kleinere begnügten sich mit ihren geputzten Marktwagen. Wenn alle da und begrüßt waren, nahmen sie interessiert am Hofrundgang teil. Die kleinen Kinder vertrieben sich bald in der Scheune die Zeit, weil dort oft mit Heuseilen und einer Leiter eine Schaukel eingerichtet war, auch „Verstecken und Haschen“ vereinten die meisten Kinder. Am Nachmittag gab es meist „Berge von Kuchen“ – sowohl „nassen“ (Obstkuchen) als auch „trockenen“ (Zucker- und Streuselkuchen) und dazu Bohnenkaffee. Die Kinder bekamen solchen aus „Spitzbohnen“ – Malzkaffee, der aus den spitzen Gestenkörnern gebrannt wurde an ihre oft separaten Tische, denn der Kreis der Besucher in der großen oder guten Stube war groß und damit ging es meist eng zu.

Danach zerstreute sich die Gesellschaft: die Bäuerinnen unterhielten sich bei Kaffee - nicht nur - aber auch über verschiedene Rezepte, vor allem aber interessierte sie die verschiedensten Neuigkeiten, ohne sie bis zum Abendbrot erschöpfend behandelt zu haben. Den Männern ging es meist bei Korn und Zigarren um wirtschaftliche Resultate und Erfahrungen, Geschäfte und Geschäftchen, sicher auch um Intrigen wie Perspektiven. Man war unter sich, verhielt sich an dem Tage ausgesprochen harmonisch und war dabei auch immer „wirtschaftlich erfolgsorientiert“.

schmiedeFür die gesamte Jugend des Dorfes gab es abends den Kirmestanz auf dem Gasthofsaal, dabei wiederholte sich das Rollenspiel der Erwachsenen – die Wahl der jugendlichen Tanzpartner war durch die Besitzverhältnisse der Eltern bestimmt. Dazu spielten hier noch Anfang des letzten Jahrhunderts böhmische Wandermusikanten Polkas und Walzer. Die Gastwirte gaben sich immer viel Mühe, auch Ungewöhnliches anzubieten, denn sie hatten da ihre finanziellen Chancen und Tanzveranstaltungen waren selten. Die meisten Kirmesgäste fuhren bald nach dem meist wieder reichlichen Abendbrot nach Hause, denn den Hof ließ man nicht gern längere Zeit allein und auf Übernachtungen war man kaum eingestellt. Manchmal wurde am Montage mit der „kleinen Kirmse“ das maßvolle Feiern fortgesetzt, darüber entschied eher die wirtschaftliche als die politische Situation. Allgemein werden diese nach heutigen Begriffen meist recht bescheidenen Feste nachträglich romantisiert, wie das Dorfleben bis heute. Es waren immer die wenigen Stunden der Erholung von der sehr schweren und monotonen täglichen Arbeit.

Rudolf Priemer, Vorsitzender Geschichts- und Altertumsverein