ehenningZum 100. Geburtstag der Schriftstellerin Elisabeth Hering

Südwestlich von Altenhain erstreckt sich der Curtswald mit seinen hohen Bäumen, dunklen Schonungen und hellen Lichtungen. Vor langer Zeit war er für die Menschen auch ein geheimnisvoller Ort, hier sollten sich Dinge zugetragen haben, über die sie sich so einiges zu erzählen wussten, wie die „Sage vom Jäger ohne Kopf“ beweist, die von den Altenhainern hier angesiedelt wurde. Seine inspirierende Wirkung kam bestimmt auch der Leipziger Schriftstellerin Elisabeth Hering zu gute. Diese hatte zusammen mit ihrem Mann, Walter Hering, im Jahr 1962 am Butterberg ein Grundstück erworben und nutzte es seitdem als Sommersitz. Auf dem Grundstück war bis dahin eine Biberfarm sowie stand, und steht heute noch, eine alte Steinarbeiterbaracke mit vielen Räumen. Diese wurde nun nach und nach für die eigenen Zwecke und die große Familie umgebaut – es entstand die Enkelfarm. Hier fand sie in den Sommermonaten die nötige Ruhe für ihre Arbeit, aber auch Zeit für die Familie und zahlreiche Gäste und für Gespräche unter der großen Linde.

Trotz ihres aufgeschlossenen Wesens beschränkte sich der Kontakt zu den Altenhainern auf die unmittelbaren Nachbarn, Herrn Wittek, den Schuster Sedlaczek und die Familie Peters, auf deren Grundstück sie regelmäßig im Steinbruch badete, auf das Ehepaar Bosa und den Pfarrer Fichtner und dessen Familie und auf die Frau Richter. Einige Altenhainer können sich auch noch gut an Gerda Leicht erinnern, Elisabeth Herings Schwester, die ins Dorf kam, um die Post zu besorgen oder meist freitags mit einem ausgedienten Kinderwagen um den Wocheneinkauf zu tätigen. Einige erinnern sich auch an die Lesung, die Frau Hering in der Altenhainer Kirche gehalten hat. Ebenso an ihren Mann Walter, der, wenn er unterwegs war oft einen Rucksack trug und mit Werkzeug oder Baumaterial beladen war. Die Kinder und Enkel Elisabeth Herings wiederum erinnern sich gern an die Aufenthalte hier: den Wald, das Baden im Steinbruch, aber auch an den leckeren Kuchen, den sie beim Bäcker Voigtländer zu kaufen bekamen.

Im Geburtstagskalender der Literaten können wir in diesem Jahr, unter anderen, den 250sten von Friedrich Schiller, den 200sten von Edgar Allen Poe, den 120sten von Ludwig Renn, den 100sten von Elisabeth Hering und den 80sten von Christa Wolf finden. Elisabeth Hering steht hier in einer Reihe mit einigen weitaus berühmteren Kollegen. Und das zu Recht, sie braucht sich mit ihrem Werk nicht zu verstecken. In der DDR war sie eine bekannte und beliebte Autorin. Ihr Leben und Werk ist ein Spiegel europäischer und außereuropäischer Geschichte und mit ihrer Beschreibung des Missbrauchs der Religionen heute sehr aktuell.

Dass sie sich in ihren Büchern mit Geschichte und Religion auseinandersetzte, wurzelt in ihrer Biographie. Geboren wurde sie am 17. Januar 1909 im siebenbürgischen Klausenburg, das damals zu Ungarn gehörte, als ältestes Kind der Familie Leicht. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie im Haus ihrer Großeltern in Schäßburg, wo sie bis 1925 die deutschsprachige Schule besuchte. Da gehörte Siebenbürgen schon seit 1920 zu Rumänien. Sie absolvierte eine Buchhändlerlehre und bereitete sich extern auf das Abitur vor - das deutschsprachige Gymnasium in Schäßburg stand nur den Jungen offen - , verzichtete jedoch auf das Examen zu Gunsten ihrer frühen Heirat mit dem Schäßburger evangelischen Stadtprediger Hans Ackner(1892-1960).

Ihre Kinder- und Jugendzeit in Schäßburg waren die wohl prägendsten für sie. Schriftstellerisch war schon ihr Vater, Dr. Hans Leicht(1886-1937), tätig. Von Beruf Rechtsanwalt, schrieb er Gedichte. Ihr Großvater mütterlicherseits, Stadtphysikus Dr. Josef Bacon(1857-1941), war Gründer des Heimatmuseums „Alt-Schäßburg“, das er im Wahrzeichen der Stadt, dem Stundturm, eingerichtet hatte. Über ihn kam sie mit Geschichte in Berührung und bereits im Alter von 12 Jahren leitete sie selbständig Führungen durch die Ausstellung. Sie war zwar Angehörige der deutschen Minderheit, kam aber auch mit ungarischer und rumänischer Kultur in Berührung und lernte sie achten und lieben sowie beide Sprachen.

Ihr Mann erhielt 1930 in Hermannstadt eine neue Pfarrstelle, wohin sie dann auch übersiedelten. Hier entstanden erste Gedichte die in einer kirchlichen Zeitung veröffentlicht worden. 1943 folgte Pfarrer Ackner, begleitet von seiner Frau und den vier Kindern, dem Ruf zum kirchlichen Dienst in das von deutschen Truppen besetzte Polen. Aber schon 1944 mussten sie mehrfach flüchten. Ihre Flucht endete in Thüringen, hier arbeitete Hans Ackner weiter als Pfarrer und das jüngste Kind wurde geboren.

1949 trennte sich Elisabeth Hering von Pfarrer Ackner und nach der Scheidung 1951 übersiedelte sie nach Leipzig. Im gleichen Jahr veröffentlichte sie hier, ihr erstes Buch „Der Oriol“ noch unter dem Namen Elisabeth Ackner. 1952 heiratete sie den Verlagslektor Walter Hering (1896-1972), der für sie verständnisvoller Berater und Helfer geworden war. Nun erschienen ihre Bücher unter dem Namen Elisabeth Hering. In Leipzig war sie endlich angekommen, es wurde ihre zweite Heimat. 1953 lernte Elisabeth Hering die Quäker kennen und trat 1958 der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) bei. Deren pazifistische, tolerante, undogmatische Religiosität und deren basisdemokratische Strukturen und soziales Engagement ihrem eigenen Verständnis am nächsten kamen. Sie wurde Schreiberin der Leipziger Quäkergruppe. Jahrelang bemühte sie sich und 1963 gelang es, sie wurde in den Schriftstellerverband der DDR aufgenommen.

Elisabeth Hering starb am 15. Juli 1999, im Alter von 90 Jahren, in einem Leipziger Pflegeheim.

In ihrem Werk gibt es so unendlich viel zu entdecken, so weit gefächert sind ihre Themen vor dem Hintergrund kulturhistorischen Geschehens. Ihre Romane gründen auf genauer Recherche tatsächlicher Ereignisse die sie aus christlich humanistischer Sicht interpretiert. Immer mit der Sehnsucht nach einer friedlichen Welt und auf der Suche nach Antworten auf die Fragen nach den Ursachen, der von ihr selbst erlebten Geschichte des 20.Jahrhunderts mit zwei schrecklichen Kriegen in Europa. Auch finden sich in ihren Büchern immer wieder Bezüge zu dem Land ihrer Kindheit, zu Siebenbürgen, Rumänien und Ungarn.

24 Bücher hat Elisabeth Hering veröffentlicht, davon sind 11 kulturhistorische Romane, ein populärwissenschaftliches Buch, zwei Erzählungen für Kinder sowie Nacherzählungen von Märchen, Sagen und Schwänken. Ihr Werk wurde bisher in sechs Sprachen übersetzt. Gleich für ihren 1956 erschienenen ersten Roman „Südseesaga“ erhielt sie den Preis im Jugendbuch- Wettbewerb des Ministeriums f. Kultur der DDR. Auch eine Auszeichnung war sicherlich, als ihr 1973 in Leipzig erschienener Roman „Zu seinen Füßen Cordoba“ im Jahr 1975 die Empfehlung des Bayrischen Kultusministeriums als Schullektüre für Gymnasien und Realschulen erhielt.

Der AG Dorfgeschichte des Altenhainer Heimatvereins e.V. ist der 100. Geburtstag Elisabeth Herings Anlass, ihr eine Ausstellung im Vereinshaus zu widmen. Diese wird am Sonnabend, den 21. Februar 2009 15.00 Uhr mit einer Lesung aus dem Werk Elisabeth Herings unter dem Titel: 18. Altenhainer Vortrag - „Junges Europa - Rumänien in Märchen, Legenden und Schwänken“ eröffnet. Es lesen die Töchter von Elisabeth Hering, Wilhelmine Gerber und Dr. Elisabeth Schultz sowie der Schauspieler Wolfgang Gerber (www.theaterwiwo.de). Mit musikalischer Begleitung!

Im Vereinshaus „Alte Schule“ des Altenhainer Heimatvereins e.V. - am Sportplatz Altenhain.

In diesem Zusammenhang wollen wir eine Bibliothek mit Werken von und über Frau Hering einrichten. Zur Finanzierung des Kaufes der Bücher suchen wir noch Spender, die jeweils die Kosten für ein Buch übernehmen und damit Buchpate werden, deren Name dann auch im Einband des jeweiligen Buches vermerkt wird. Melden Sie sich bitte bei Volker Killisch Tel.: 034383 44410.

(Titelfoto: Archiv Stadtbibliothek Leipzig)

Volker Killisch
Februar 2009